Die Welt der Bücher

„Couchsurfing im Iran“

Der ehemalige SPIEGEL-Reporter Stephan Orth veröffentlichte 2015 seinen ersten Reisebericht der etwas anderen Art. In „Couchsuring im Iran“ berichtet er aus iranischen Wohnzimmern, in denen er auf teuren Perserteppichen während seiner Backpackingtour durch die islamische Republik schläft. Seine Schlafplätze organisiert er über die die dort angeblich verbotene Plattform „Couchsurfing“, was besonders bei jungen Reisenden eine beliebte Art des Reisens ist, da sie bei Einheimischen umsonst auf deren Sofas schlafen und intime Einblicke in das Gastland bekommen können- ganz abseits vom Massentourismus. 

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Stephan beginnt seine Reise in der Hauptstadt Teheran bei einer Dame, die er vorher bereits kannte. Ansonsten hat er zwar eine grobe Route im Kopf, lässt seine tatsächliche Reise jedoch von den Einheimischen bestimmen. Er folgt Vorschlägen und Einladungen der Ortsansässigen, was ihn in skurrile, witzige oder auch beängstigende Situationen bringt. Er erzählt von unzählbaren Einladungen zum Tee, von Besichtigungen der Schlachtfelder, stellt fest, dass das “gemütliche familiäre Zusammenkommen” eigentlich ein Date ist, berichtet von diversen Verhören auf Ämtern oder auf einer kurdischen Polizeibehörde und wacht morgens mit Blick auf ein Atomkraftwerk auf.

Stephan wollte Iraner*innen im Privaten kennenlernen und als er einen Blick hinter verschlossene Türen wirft, trifft er auf eine Parallelgesellschaft, die nicht unterschiedlicher zum öffentlichen Raum sein könnte. BDSM-Treffen, 90%igem Alkohol aus der Apotheke und junge Frauen im Minikleid sind für die westliche Welt nicht ungewöhnlich, während sie für die iranische Bevölkerung bereits Gesetzesbrüche bedeuten und dennoch quasi zum Alltag gehören. Hierbei sei zu beachten, dass Stephan Orth ausschließlich Kontakt zu der jungen iranischen Bildungselite hat. Diejenigen, die Zugang zum Internet haben, Englisch sprechen und insgeheim eine politisch liberale und säkulare Lebensweise anstreben. Er berichtet nicht von bildungsferneren Mileus oder hat Kontakt zur konservativen Glaubensgemeinschaft, deren Frömmigkeit nicht an der Garderobe abgegeben wird. Orth geht kaum auf diesen starken innergesellschaftlichen Kontrast ein, was beim Lesen zu einer Art Tunnelblick führt. 

Wer bei der Lektüre von “Couchsurfing im Iran” einen Reisebericht erwartet, der anschaulich die Vielseitigkeit der Landschaften, die verschiedenen Sehenswürdigkeiten und Attraktionen beschreibt, wird enttäuscht werden. Diese werden in einem Nebensatz abgehandelt. Jedoch schafft es Stephan Orth mit Witz und Charme die tagtäglichen Gratwanderungen zwischen legal und illegal der jungen Iraner*innen wiederzugeben. Man kann sich selbst in den beschrieben Charakteren wiederfinden und wird feststellen, dass uns, abgesehen vom Reisepass und der Sprache, doch nicht so viel voneinander unterscheidet.

Im letzten Drittel des Buches kommentiert Stephan außerdem die einseitige Berichtserstattung über den Iran in den internationalen Medien. Er kritisiert, dass der Iran nur im negativ behafteten Kontext in den Zeitungen auftaucht und positive Ereignisse kaum erwähnt werden.

Bei dieser Passage spricht er mir aus der Seele, denn eine einseitige Berichtserstattung sorgt dafür, dass wir Menschen uns ein Bild von etwas in den Kopf setzen. Dieses Bild besteht aus Stereotypen und Vorurteilen und man kann es nur schwer wieder loswerden. Von daher ist es wichtig, dieses Bild ab und an aus der Ferne zu betrachten, statt einzelne Ausschnitte zu fokussieren. Durch die geschilderten Erlebnisse mit jungen Iraner*innen werden die Lesenden dazu angehalten, einen gedanklichen Schritt zurückzugehen. Ein Selbstreflexionsprozess beginnt.

Zugegeben, über den Titel auf der Rückseite des Buches „Urlaub bei den Mullahs“ lässt sich streiten, auch ist Couchsurfing im Iran offiziell nicht verboten (aber vermarktet sich natürlich besser), dennoch konnte ich das Buch nach den ersten Seiten nicht mehr weglegen und war besessen von Stephans Erlebnissen.

couchsurfing im iran
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 Stephan Orths „Couchsurfing im Iran“ regt zum Nachdenken und zum kritischen Relektieren an. Dazu ist es humorvoll und in einer leicht verständlichen Sprachen geschrieben, weshalb es sich definitiv einen Platz auf der Liste meiner Lieblingsreisebücher reserviert hat. Außerdem hat es das Interesse in mir geweckt, auch sein zweites Buch „Couchsurfing in Russland“ zu lesen.

Wer nicht so aufs Lesen steht, der kann es sich auch als Hörbuch holen (ist wirklich toll gelesen!). Über *) diesen Link könnt ihr bei Audible ein gratis Probeabo bekommen (30 Tage) bei dem ihr ein Hörbuch geschenkt bekommt. Ich hab Hörbücher gerade erst wieder für mich entdeckt. Perfekt für den Bus, die Bahn, im Auto oder einfach nur so zum Spazieren gehen.

Wer lieber liest, der kann sich das Buch entweder beim Buchdealer eures Vertrauens oder bequem *) hier für 10€ als Buch oder für 9,99€ in der Kindleversion kaufen.

Habt ihr das Buch schon gelesen? Habt ihr noch mehr Lob oder Kritik, was ich außen vor gelassen habe? Oder kennt ihr eventuell schon seine anderen Bücher? Ich bin definitiv neugierig, wie er in Russland „fast zum Putin Versteher wurde“.

Bei den mit *) gekennzeichneten Links handelt es sich um Affiliate-Links, über die wir eine kleine Provision bekommen. Für Dich entstehen keine extra Kosten.

2 Kommentare zu „„Couchsurfing im Iran“

    1. Kann es wirklich nur empfehlen! Als Hörbuch fand ich es auch total super gelesen, hat den Witz gut mit rüber gebracht (was bei manchen Lesungen eher weniger klappt). Höre mir gerade auch sei zweites Buch „Couchsurfing in Russland“ an. Mal gespannt, wie das so wird. Landet garantiert auch eine Rezension hier auf dem Blog. 🙂 Viel Spaß beim Schmökern.

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