Fragmente aus dem Reisetagebuch · reisen

Wie ich über Nacht zur Kriminellen wurde.

Ich bin eine Kriminelle. Das hatte bereits die katalanische Polizeieinheit “Mossos D`Esquadra” 2016 eingesehen. Damals hatte ich es allerdings noch vehement abgestritten, auf Unschuld plädiert und kam so mit einem Schrecken davon. Dieses kleine unfreiwillige Praktikum bei den “Compañeros” würde niemals in meinem Lebenslauf auftauchen. War ja alles ein Missverständnis. Während folgendes sicherlich kein Missverständnis war, jedoch genauso wenig ein potentieller Arbeitgeber vor Unterzeichnung des Arbeitsvertrages von mir wissen sollte. Zumindest nicht, ohne dass er* oder sie* vorher diesen Post als Erklärung gelesen hat.   

Ich war auf Bali, genauer gesagt in dem kleinen hippen Fischerdörfchen “Canggu”, was bei sämtlichen Backpackern derzeit hoch im Kurs ist. Es wird auf Travelblogs auch als “Ubud am Wasser” gehandelt. Canggu ist eine absolute Surferhochburg und besonders unter Neulingen auf dem Brett ziemlich beliebt. Es gibt unglaublich süße Cafés und Restaurants, die den neusten “Health”-Trend hinsichtlich Kaffee- und Essenskultur aufgreifen. Das alles gepaart mit balinesischer Herzlichkeit und einer Prise hinduistischer Kultur macht Canggu zu einem Ort, in dem ich monatelang verweilen könnte. Aber dazu gibt es sicher Mal einen eigenen Blogbeitrag. 😉  IMG_0453

Ich wohnte dort in einem Hostel, in dem ca. 20 weitere junge Backpacker*innen untergekommen sind. Von Anfang an wurde ich unglaublich nett aufgenommen und innerhalb weniger Stunden wuchsen wir zu einer coolen Gemeinschaft heran. Abends waren wir in der Standardlocation “Old Men`s”, wo ich mich in mein neues Lieblingsgetränk Espresso Martini verliebte, danach ging es zum “Betong Belanak”-Strand. Wir waren dort bereits am Abend zuvor. Ich nahm auf meinem Roller einen ziemlich hübschen Schweden mit und wir fuhren in einem Konvoi aus 14 Rollern zur Beachparty. Draußen am “Parkplatz” tummelten sich bereits junge Balinesen, die sich ein paar extra Rupia dazuverdienen wollten, indem sie Parkgebühren verlangten.

Abends wurden fast alle Halbstarken auf einmal zu “Parkplatzwächtern”, weshalb ich schon ziemlich genervt auf die Bande zufuhr und meinem Unmut mit einem genervten Aufstöhnen und einem verachtenden Zungenschnalzen am Gaumen Luft machte.  Mein schwedischer Copilot sagte mir: “Solange sie keine Uniformen mit ‘ner Waffe tragen, musst du hier niemandem Geld geben.” “Soll ich einfach durchfahren oder was?”, fragte ich daraufhin ungläubig. Immerhin hatte sich der nächste Parkplatzwächter bereits mehr oder weniger vor mir aufgebaut. Er erwiderte einfach nur: “Why not?” Das dachte ich mir schließlich auch und fuhr mit einem geschickten Schlenker fix an dem vielleicht gerade einmal 14-jährigen Jungen vorbei.  

Was sollte der mir schon tun, dachte ich mir. Drum herum protestierten ein paar Balinesen und riefen mir aufgebracht mit ausgestreckter Faust irgendwas auf Balinesisch hinterher. Ich fühlte mich kurz schlecht, da es sich schließlich nur um umgerechnet 2€ gehandelt hätte. Auf der anderen Seite ging es mir ums Prinzip. Es war immerhin nicht mal ein Parkplatz, sondern lediglich eine Straße, die ein paar pubertäre Jungs mit Blumenkübeln blockiert hatten.  

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Keine weiteren Gedanken verschwendend quetschte ich den gemieteten Roller in irgendeine Lücke und verstaute meinen Helm im Helmfach. Der Rest der Gruppe wartete bereits, wir lachten kurz über unsere kühne Tat und liefen runter zur Party.  

Die Bar befand sich wirklich direkt am Wasser. Eine künstliche Erhebung aus Beton schützte sie vor Überschwemmung während der Gezeiten. Erst am Abend, als das Wasser sich zurückzog, wurde die etwa fünf Parkplatz große Tanzfläche frei, auf der sich nun die gleichen Leute tummelten, die auch schon die Tage zuvor zur gleichen Playlist vom gleichen DJ tanzten. Man kannte sich mittlerweile vom Sehen und wusste in etwa, wie sich die jeweiligen Leute auf dem Surfbrett machten. Ich wurde mit aufmunternden Schulterklopfern begrüßt. Na, so schlecht war ich nun auch nicht gewesen!  

Wir tranken Cocktails, tanzten, sprangen danach alle zusammen nackt ins Meer und tanzten weiter (natürlich wieder voll bekleidet). Vom vielen Surfen war ich irgendwann müde und eine Österreicherin schloss sich mir an, um nach Hause zu fahren. Nachdem wir uns schließlich noch mit einem gegrillten Maiskolben mit ordentlich Salz und Knoblauchbutter gestärkten hatten, machten wir uns auf den Weg zurück zum Parkplatz.  

Um es kurz auszudrücken, ohne vieles Umschreiben: Mein Roller war weg. Karma hatte mir eine Ohrfeige für mein geiziges Verhalten ein paar Stunden zuvor gegeben, als ich wie Karla Kolumna auf Speed an den Parkplatzwächtern vorbeigerauscht war. Um auszuschließen, dass ich den gemieteten Roller aufgrund des ein oder anderen Mojitos zu viel einfach nicht mehr genau lokalisieren konnte, liefen wir die ganze Gasse ab, in der ich ihn vorher geparkt hatten. Nein, er war nicht zu sehen. Natürlich war die Wegfahrsperre drin, aber wie ich schon mehrere Male selbst beobachtet hatte, war es für geübte Balinesen kein Problem, diese irgendwie wegzuzaubern. Vielleicht haben sie ihn umgeparkt, weil sie Platz brauchten? Vielleicht aber auch versteckt, weil ich die Parkgebühr nicht zahlen wollte?  

Wir liefen die ganze nahe Umgebung ab, in der ca. zweihundert Roller standen. Was ich von meinem Roller noch wusste? Es war ein weißer Honda. Diese präzise Beschreibung passte auf ca. 80% der vermieteten Roller auf Bali. Mittlerweile zweifelte ich gänzlich an meiner Zurechnungsfähigkeit. Eventuell war der Roller doch nicht weiß oder doch kein Honda? Aus diesem Grund versuchte ich einfach überall meinen Rollerschlüssel in die Zündung zu stecken und rüttelte darin herum. Immer in der Hoffnung ein vertrautes Motorengeräusch zu hören. Meine Begleiterin lachte herzlich über mein wildes Herumstochern. Ihr Verständnis für den Ernst der Lage war durch die Happy Hour noch immer benebelt.  

Auf einmal blinkten die Kontrolllampen eines schwarz-weiß melierten Hondas auf. Die Wegfahrsperre ließ sich lösen und ich konnte den Roller bewegen. Die Österreicherin schrie etwas lallend auf “Wir haben ihn gefunden.” und sprang jubelnd auf den Rücksitz auf. Nicht ganz: Das war definitiv nicht mein angemieteter Roller. Er hatte eine Surfbretthalterung und die Geschwindigkeitsanzeige reichte bis 160 km/h, statt wie bei meinem bis 80 km/h. Die Tankanzeige blinkte bereits in einem warnenden Rot auf und laut der Anzeige hätte ich mit dem Roller keinen Zentimeter mehr fahren können. Ohne weiter nachzudenken fuhr ich los und wurde über Nacht zur Kriminellen:

  1. Parkgebühren nicht gezahlt.
  2. Einen Roller geklaut.
  3. Ohne Helm gefahren.
  4. Alkoholisiert gefahren.  

Ich konnte mit meinem Schlüssel leider das Helmfach nicht öffnen und dementsprechend nicht tanken, weshalb ich die letzten Tage bei anderen mitfahren musste und meinen Roller etwas versteckt im Innenhof des Hostels parkte.  

Bei Abreise behielt ich den Schlüssel des Rollers bis zur letzten Minute und gab ihn erst zurück, als ich danach direkt ins Taxi zum Flughafen springen konnte, da ich Angst hatte, eine riesige Geldbuße zahlen zu müssen.

Der Hostelboy, bei dem ich den Roller gemietet hatte, schrieb mir am Tag danach auf Facebook. Mein Herz klopfte höher, als ich seine Nachricht las. Immerhin hatten sie meine Kreditkartendetails. Ich stellte mich weiterhin auf dumm. Doch es passierte folgendes:

Honda

Er entschuldigte sich, dass er nach seinem Roller fragte und reagierte unglaublich entspannt. Ein Roller konnte Bali nicht so leicht verpassen und er verließ sich darauf, dass bald irgendjemand sich ehrlicherweise meldete und ihn zurückgab. Ich hätte ihm mit genauso viel Vertrauen entgegenkommen sollen. Bei einer Beichte wäre er wahrscheinlich noch entspannter gewesen, hätte lächelnd ein paar Menschen angerufen, die den Roller innerhalb weniger Stunden zurückgebracht hätten.  

Ich vergaß, dass wir auf Bali waren. Entspannte Leute, die Vertrauen ineinander haben und nicht direkt das Schlechte in jedem Menschen sehen.

Nie wieder werde ich die Zeche auf einem Parkplatz prellen.


Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht, in denen ihr unfreiwillig in solchen Situationen gelandet seid? Schreibt es in die Kommentare!

Folgt uns für mehr Einblicke in unser privates Reisetagebuch.

Bis bald!

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Ein Kommentar zu „Wie ich über Nacht zur Kriminellen wurde.

  1. Wow, was für eine Story! Ich hoffe, dass sich das mit dem Roller im Nachhinein geklärt hat und er seins wiederbekommen hat 😀 Aber wie lustig ist das denn bitte, dass der Roller einfach auf deinen Schlüssel reagiert hat??? 😀

    Übrigens vielen Dank für deinen Kommentar – habe dir auf meinem Blog geantwortet 🙂

    Liebe Grüße ❤
    Hang

    PS: Bei mir gibt es gerade ein Gewinnspiel, bei dem du eines von 3 Planner gewinnen kannst – ich würde mich freuen, wenn du mitmachst 🙂

    http://hang-tmlss.de

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