Alltägliches · Fragmente aus dem Reisetagebuch · Südwestasien

JERUSALEM: Was ist hier eigentlich los?

Eigentlich wollte ich heute einen Post hochladen, der zeigt, wie wunderschön Bethlehem ist, die Geburtsstadt Jesu. Jedoch habt ihr mit Sicherheit die Nachrichten nicht ignorieren können und bekommt mit, dass Israel mal wieder für einige Schlagzeilen sorgt. Ganz konkret geht es um die heilige Stadt: Jerusalem.

Trump Graffiti auf der Mauer von Bethlehem
Berühmtes Trump Graffiti an der Mauer von Bethlehem wurde „ergänzt“. In der Sprachblase stand original drin „I gonna build you a brother“, in Bezug auf den geplanten Mauerbau in Mexiko.

Ich möchte euch in diesem Beitrag ein bisschen die Hintergründe näher bringen. Es wird keine einwandfreie Darstellung des gesamten Nah/Ost-Konflikts sein (damit kann man nämlich ganze Bücher füllen), aber einen groben Überblick  wird er euch schon verschaffen können, um zumindest das derzeitige Drama einordnen zu können. Auch versuche ich so objektiv wie möglich zu sein, aber nehmt es mir nicht möglich, wenn ich mich hier und da unbewusst positioniere. Ich lebe hier seit drei Monaten, habe Freunde gefunden und sehe viele Dinge täglich mit meinen eigenen Augen. Objektivität fällt bei Betroffenheit und Emotionalität natürlich schwer.

Aktuell

Trump hat nun im Namen der Vereinigten Staaten von Amerika Jerusalem als offizielle Hauptstadt Israels anerkannt und möchte auch die US-amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen. Wann das geschieht, ist noch nicht sicher. Das Verlegen der Botschaft ist letztendlich aber auch nicht der Grund, wieso Unruhen ausbrechen. Es geht vielmehr um die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels.

Jerusalem ist zweigeteilt in Ost und West (ein bisschen wie Berlin vor Mauerfall). Der Westen ist israelisch und der Osten (eigentlich) palästinensisch. In Ostjerusalem liegt außerdem die berühmte Altstadt, in der von allen drei monotheistischen Religionen unglaublich heilige Plätze zu finden sind: die Grabeskirche (Christen), die Klagemauer (Juden) und die Al-Aqsa-Moschee (Muslime). Laut jüdischer Sage wurde die Al-Aqsa-Moschee auf den Trümmern des Herodianischen Tempels gebaut, welcher 70 n. Chr. von den Römern zerstört wurde und wovon nun nur noch die westliche Stützmauer (Klagemauer) übrig ist.

Schwer bewaffnete Soldaten in Bethlehem
Schwer bewaffnete Soldaten in Bethlehem. Circa 500m vor ihnen Palästinenser, die mit Steinen werfen.

Zeitreise in die Vergangenheit

Der sogenannte israelische Staat ging 1948 aus dem Britischen Mandat für Palästina hervor und beanspruchte große Teile des Landes, auf dem vorher Palästinenser*innen gelebt haben, für sich und wurde für viele (verfolgte) Juden aus aller Welt zur Heimat, in welcher sie ohne Unterdrückung oder Ermordung fürchten zu müssen, leben durften. Aus diesem Grunde haben noch heute Juden aus aller Welt ein Anrecht auf „Rückkehr“, auch wenn sie noch nie in Israel waren. Im heutigen Israel lebten die Juden, bevor sie (angefangen 587 v. Chr) vertrieben und in die ganze Welt verstreut wurden (jüdische Diaspora). Natürlich ist es schwierig, nach „Hause“ zu kommen, wenn bereits andere Leute diesem leben. Also mussten die dortigen Palästinenser*innen der neuen jüdischen Bevölkerung weichen, insofern sie nicht mit einem jüdischen Staat einverstanden waren und sich ihm nicht unterordnen wollten. Viele flüchteten deshalb in die West Bank (steht übrigens für „westliches Ufer“ vom Fluss Jordan. Die „East Bank“ ist somit Jordanien, da Jordanien auf der anderen Seite des Jordans liegt).

Allerdings gehörte Ostjerusalem, somit auch die Altstadt, noch zum palästinensischen Gebiet. Jedoch nur bis 1967 als Israel innerhalb 6 Tage unglaublich viel Land besetzte und es später für sich beanspruchte. Zum einen war das der Sinai (welcher später wieder an Ägypten zurückgegeben wurde, als sie Israel als Staat anerkannten), den Golan, große Teile der West Bank und eben auch Ostjerusalem.

Die Zweistaatenlösung und der Hauptstadt-Struggle

Nun ist es jedoch so, dass sich die Palästinenser*innen natürlich nicht gänzlich vertreiben lassen und international wurde die Forderung nach einer „Zwei-Staaten-Lösung“ immer lauter, weshalb 1993 das Oslo-Abkommen verabschiedet wurde, welches verschiedene Kriterien und Lösungsvorschläge gab, wie sich Israel und Palästina wieder annähern und schließlich auf zwei Staaten einigen könnten. Leider hat dies bis dato nicht geklappt. Das lag zum einen daran, dass überhaupt nicht klar ist, innerhalb welcher Grenzen ein palästinensischer Staat entstehen soll (den Grenzen von 48 oder von 67?), der Siedlungspolitik (immer mehr Siedlungen wurden in der West Bank errichtet) und die Frage um Jerusalem. Palästina, sowie Israel wollen diese heilige Stadt nämlich als Hauptstadt haben. Aber die gleiche Stadt kann eigentlich nicht Hauptstadt von zwei Ländern sein, logisch oder?

Leere Straßen in Bethlehem. Kampf zwischen Palästinenserin und Militär
Leere Straßen. Ganz im Hintergrund sieht man leider etwas unscharf ein Palästinenser. Die Jungs Anfang 20 waren mit Steinen auf israelische Soldaten, welche mit Gewehren, Tränengas und Wasserwerfern zurück attackierten.

Nun hat auch hier die internationale Gemeinschaft einfach vorgeschlagen, dass man die Stadt zweiteilt: Westjerusalem als Hauptstadt für Israel und Ostjerusalem als Hauptstadt für Palästina. Allerdings ist in Ostjerusalem die besagte Altstadt mit den ganzen unglaublich heiligen Stätten. Würde diese nun unter komplett palästinensischer Verwaltung stehen, steht die Wahrscheinlichkeit nicht schlecht, dass Juden der Zugang zu ihrer heiligen Klagemauer verwehrt wird. Aus diesem Grund stimmt Israel dem natürlich nicht zu und die Frage nach Jerusalem blieb bis dato ungeklärt, da sich auch die internationale Gemeinschaft dazu eher nicht positionieren wollte, solange andere Dinge wie Siedlungspolitik, Versorgung und die physischen Grenzen nicht geklärt sind.

Nun hat Mr. Trump Jerusalem als israelische Hauptstadt anerkannt und möchte damit den ins Stocken gekommenen Friedensprozess wieder in Gang bringen. Weiterhin argumentiert er, dass Israel eh schon all die wichtigen Institutionen (Knesset, das Parlament und auch den Gerichtshof) in (West)Jerusalem hat. Die Wirtschaft des kleinen Mittelmeerstaates floriert, die israelische Forschung macht Schlagzeilen und der Staat hat sich als „einzige Demokratie“ im „Nahen Osten“ durchgesetzt.

Tränengas
Überall Wolken des Tränengases zu sehen. Bisher sind zwei Tote und hunderte Verletzte Palästinenser gezählt…

Die Palästinenser*innen fühlen sich logischerweise übergangen und besonders im Hinblick auf die Geschichte seit 1948 auch immer mehr „enteignet“. Derzeit fühlen sich viele, als hätten sie „schon wieder“ Land verloren, was für Unruhen, Ärger, Streik und auch Gewalt sorgt. Diejenigen, die mir auf Instagram folgen, haben eventuell meine Live-Stories gesehen, die ich gestern aus Bethlehem hochgeladen habe. Ob es nun zu einer dritten „Intifada“ (Palästinenser*innaufstand, den es bereits zwei Mal in der Geschichte gegeben hat) kommt, ist bisher noch unklar. Die Hamas, die derzeit den Gazastreifen noch hauptsächlich kontrolliert, hat jedenfalls dazu aufgerufen.

Ich hoffe, dass ihr nun vielleicht ein klein wenig besser die Welle um Jerusalem verstehen könnt. Postet mir Fragen gerne in die Kommentare und ich versuche sie, so gut es geht zu beantworten. Gibt es etwas anderes, was euch dazu einfällt und worüber ihr gerne etwas lesen wollt? Dann sagt Bescheid. Folgt diesem Blog für mehr Updates aus Jerusalem, wo auch sicher bald wieder schöne „what to do in“-Beiträge kommen werden.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr diesen Beitrag teilt. Es ist so wichtig, dass mehr Leute über die Situation in Israel/Palästina aufmerksam gemacht werden, damit dort endlich etwas bewegt wird. Ihr müsst nicht total engagiert an der „Front“ kämpfen und ständig zu irgendwelchen Diskussionsrunden gehen. Es reicht, wenn ihr auf „gefällt mir“ klickt, teilt und kommentiert. Raise awareness!

Bis dahin, alles Liebe.

Eure Lavi

 

2 Kommentare zu „JERUSALEM: Was ist hier eigentlich los?

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