#delicious weekend · Israel/Palästina

The Delicious Weekend Vol. 3

Schon wieder ist eine Woche vorbei und nun läuft tatsächlich mein Countdown, da ich mein Praktikum in Israel bereits in fünf Tagen beende. Gerade haben wir eine Delegation aus Deutschland hier, weshalb alle ein wenig angespannt und nervös sind. Angespannt und nervös sind aber generell passende Attribute für vergangene Woche hier in Jerusalem. Niemand konnte die Trump-Nachrichten ignorieren. Was das für Jerusalem bedeutet, könnt ihr übrigens hier nachlesen.

Ich musste vor einer Woche aus meiner Wohnung ausziehen, da die Eigentümerin von ihrer Reise aus Argentinien zurückgekommen ist. Nun wohne ich im fancy „Abrahams Hostel“. Es ist das berühmteste Hostel in Israel und soll zu den besten Hosteln weltweit gehören. Ich habe nun schon einige Hostel gesehen, ob in Europa, Australien oder Asien und muss ganz ehrlich sagen: Nicht schlecht, aber auch nichts Besonderes. Zumal der Preis für ein Bett im Mehrbettzimmer echt happig ist! Ich zahle pro Nacht im 8-Personen-Schlafsaal 30$ ! Frühstück ist inklusive und das Frühstück hebt sich tatsächlich deutlich von allen anderen Hosteln ab, aber für 30$ habe ich eben auch ganz andere Standards, als für 10$. Außerdem ist das Hostel so riesig und beherbergt so unglaublich viele Menschen, dass man nicht wirklich in Kontakt kommt und keine gemütliche „Wohnzimmeratmosphäre“ herrscht. Zugegeben, durch die Arbeit bin ich auch wenig dort anwesend. Die meiste Zeit verbringe ich ab 5 Uhr morgens im riesigen Gemeinschaftsraum aka Essenssaal, wenn ich an meiner Hausarbeit sitze, deren Deadline am Freitag fällig wird. Aber der Text ist nun fertig und ist gerade bei einem Freund zum Korrekturlesen. JEJ! Danach müssen nur noch Literaturverzeichnis und die Quellen in den Fußnoten ordentlich gemacht werden.

Bewegt hat mich in der vergangenen Woche am meisten der Freitag, von dem ich hier nun berichten möchte. Am Freitag bin ich mit einem netten Taxifahrer nach Hebron gefahren. Hebron liegt im Süden der West Bank. Ich bin dort nicht zum Sightseeing hingefahren, sondern wollte mir ein Bild von der politischen Situation machen. Denn hier wohnen israelische Siedler*innen und Palästinenser*innen quasi Tür an Tür. Das Wort „Siedler*innen“ impliziert schon mehr oder weniger, dass dies keine gute Nachbarschaft ist. Seit dem 6-Tage-Krieg 1967 hat Israel große Teile der West Bank besetzt. Unter anderem Hebron, denn hier soll der Vater der Juden (sowie der Muslimen) und seine Sprösslinge sowie Frau begraben sein: in der Abrahams Moschee.

Altstadt Hebron, West Bank
Straßen der Altstadt werden mit Betonblöcken zugemauert, damit Siedler*innen „geschützt“ sind.

Jüdische Siedler*innen haben dort ansässige Palästinenser*innen aus ihren Wohnungen und Häusern vertrieben, sowie ihnen die Hälfte der Abrahams Moschee genommen. Damit die Siedler*innen nicht in Gefahr sind, werden pro Siedler*in fünf Soldat*innen zur Verfügung gestellt. 1:5 !! 400 angesiedelte Israelis werden somit von rund 2000 Soldat*innen beschützt. Um weiteren Schutz zu gewährleisten, wird zum Großteil die direkte Nachbarschaft vermieden. Beispielsweise durch Straßensperren: Container wurden mit Beton gefüllt, die Straßen blockieren. Das hat unter anderem dazu geführt, dass die gesamte Altstadt mehr oder weniger eine Geisterstadt geworden ist, wo vom Händlertreiben nichts mehr zu sehen ist.

Wir besuchten eine Familie, die mein Fahrer schon lange kannte und gingen bei ihnen auf die Dachterrasse, um uns Hebron von oben anzusehen. Mein Guide zeigte mir die „Hauptstraße“ der Siedler*innen. Als ich ihm dann eine Frage stellen wollte, machte er „schhht“, wir versteckten uns ein wenig hinter der Wasserzisterne. Ca. 3 m unter uns ist gerade ein Israeli auf den Balkon getreten und mein Guide hatte Angst, dass er uns mit etwas bewirft oder, worst case, auf uns schießt. Wir taten dort nichts Verbotenes. Wir waren einfach nur auf einer Dachterrasse einer befreundeten Familie. Doch es fühlte sich so an, als dürften wir hier nicht sein. Unten im Hof sahen wir israelische Kinder Basketball spielen, während ihre palästinensischen Nachbarn ihre Nasen an den Fensterscheiben platt drückten, woraufhin ein israelischer Junge den Ball an diese Scheibe schoss. Ich war entstetzt über den Hass, den diese Kinder bereits in sich tragen. Hass und Abneigung gegenüber Menschen ist nicht angeboren. Es wird trainiert und geübt.

"Suhada"-Street, Hebron West Bank
Die „Suhada“-Street war einst das Herz der Stadt. Nun sind die Shops geschlossen, über der Straße hängt ein Gitter und überall diese kleinen Soldatenhäuschen auf den Dächern.

Mein Guide schaute in Richtung Siedlerhauptstraße, wo gerade ein Mann in den 30ern entlang joggte. Wir versteckten uns hinter Zisternen auf einer Dachterrasse, die obendrein noch mit Stacheldraht und Zaun abgegrenzt war und blickten auf den Jogger, der munter die Straße auf und ablief.

Hebron. Geisterstadt im Herzen der Altstadt und dazu irgendwie eine Art Zoo, bei dem man konstant beobachtet wird und sich nicht frei bewegen kann. Gitter, Beobachtungsposten, Überwachungskameras. Ständige kleine Minicheckpoints, bei denen man sich entweder einer „bloßen“ Passkontrolle oder einer gesamten Leibesvisitation unterziehen muss.

Dachterrasse Hebron, West Bank
Blick von der Dachterrasse auf die Siedlergegend.

Als ich zurück in Bethlehem war, ging ich zuerst in meinen Lieblingsshop ein paar dicke Winterschals einkaufen und trank mit dem Shopbesitzer einen Minztee. Viele Palästinenser*innen haben durch die Sache mit Trump eine ungeheure Wut in sich und es sprudelt aus ihnen hinaus, wie ein Wasserfall. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als einen freien, palästinensischen Staat. Ohne ständiges Einfallen des israelischen Militärs und ohne Checkpoints. Er wollte nicht jedes Mal ein Visum beantragen, um nach Jerusalem in die Altstadt zum Beten zu gehen. Aber er sagte auch, dass so sehr er sich ein freies Palästina wünschte, er hofft, dass es nicht zu seiner Zeit passiere. Denn ihm sei klar, dass kein Staat der Welt Palästina als souveränen Staat anerkennen würde. Dies passiere nur durch Stärke, Waffen und Gewalt, was viele Menschenleben kosten wird was er nicht mit ansehen will.

Durch die Aufstände, Demonstrationen und dem ganzen Militär wurde ich nur noch deprimierter. Dies fand seinen Höhepunkt, als ich Bethlehem wieder verlassen wollte und den Checkpoint nach Jerusalem passierte. Am Checkpoint muss man (wie am Flughafen) durch einen Metallscanner und seine Taschen, Jacken etc. durch eine Maschine schicken. Ich hatte nur ein wenig Wasser, ein paar Orangen und neue Winterschals im Rucksack. Als erstes störte mich bereits, dass ich die Soldat*innen die ganze Zeit laut lachen und rumalbern hörte. Draußen wurden unbewaffnete Palästinenser*innen mit Tränengas und was weiß ich welchen Waffen beschossen und hier scherzten sie? Am Checkpoint war nichts weiter los, weshalb ich mich entspannt am Scanner selbst wieder anziehen konnte. Die Soldat*innen sprachen Hebräisch, ich dachte mir logischerweise nichts dabei, bis ich von einer Soldatin brutal an der Schulter angestupst wurde. Sie zeigte wild auf meinen Rucksack und sprach weiter in Hebräisch. Ihre Kolleg*innen bauten sich bereits hinter hier auf. Ich schaute sie an und sagte „Sorry, I don`t speak Hebrew. Could you repeat that in English please?“ Sie schaute verdutzt und sagte dann „Ah, allright. it`s ok. You can go.“

Die Soldatin hielt mich für eine Palästinenserin, sonst hätte sie direkt mit mir Englisch geredet. Israelis dürfen nämlich normalerweise nicht in die West Bank. Sie fand also heraus, dass ich keine Palästinenserin war, weshalb unnötige Kontrollen, die zur Bloßstellung und zum Lustigmachen dienten, nicht angebracht waren. Erst später realisierte ich, was das alles bedeutete. Dieser Tag, welcher für mich nur ein Ausflug in eine andere Welt war, bedeutete für andere Realität. Ein Alltag voller entwürdigender Situationen wie Leibesvisitationen oder dem Verstecken auf der eigenen Dachterrasse. Zwangsenteignungen, wie im Mittelalter und ganze Straßen, die einfach mit Beton und Stacheldraht dicht gemacht werden. Ich bin noch immer verwirrt und irgendwie auch verstört von dem, was ich gesehen und wie ich mich gefühlt habe.

Wie kann es sein, dass Palästinenser*innen absolut unfrei leben, tägliche Demütigungen und Gewalt erleben müssen und die internationale Gemeinschaft nicht entschieden einschreitet? Ein seit 25 Jahren andauerende „Friedensprozess“ hat bisher keine Veränderungen gebracht. Vielmehr werden Palästinenser*innen als unmögliche Verhanldungs- und Gesprächspartner dargestellt, mit denen keine Einigung aushandelbar sei. Aber wie soll auch eine Einigung ausgehandelt werden, wenn immer mehr Siedlungen in der West Bank aus dem Boden gestampft werden? Laut israelischer Regierung seien sie zwar nicht staatlich gefördert, aber spricht nicht allein das Verhältnis von Soldat*innen und Siedler*innen in Hebron (5:1) eindeutig für sich?

Und zur Belohung gibt es Jerusalem als Hauptstadt Israels. Danke Trump.

Meine Gedanken zur letzten Woche. Über Kommentare, wie ihr die Situation rund um Jerusalem betrachtet, würde ich mich sehr freuen. Bleibt auf dem Laufenden und abonniert uns! Alles Liebe,

Lavi.

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